Weniger Empathie wagen!

von Michael Gross

Die meisten Recruiter sind überzeugt, dass Empathie ihr Unternehmen erfolgreicher macht. Stimmt das? Eine Provokation.

Längst ist Empathie zum Schlüsselwort in den Anforderungsprofilen und Stellenbeschreibungen der Unternehmen geworden. Dahinter steckt die Annahme, jeder Mitarbeiter identifiziert sich stärker mit dem Unternehmen und seiner Aufgabe, sobald man ihm manchmal versichert, wie sehr man seine Situation „fühlt“.

Das Beschwören der Tugend, sich in andere einfühlen zu können, gehört für den modernen Manager zur conditio sine qua non. Dabei handelt es sich um eine außerordentlich banale Eigenschaft, mit der sich die meisten Menschen gar nicht schwertun. Wir alle verfügen über die Fähigkeit, uns in andere hineinzudenken, zwischen den Zeilen zu hören, Emotionen wahrzunehmen. Empathie ist deshalb kein universales Wundermittel im sozialen Umgang miteinander. Von Managern dürfen wir etwas Anderes erwarten, nämlich Festigkeit und Lösungen, nicht emotionale Komplizenschaft!

Empathie hat sogar einen gefährlichen Mangel. Sie macht nicht offen im Erkennen größerer Zusammenhänge. Empathie reagiert auf Einzelfälle. Man kann nicht mit vielen Menschen oder sogar allen empathisch sein. Die Sanierung eines Unternehmens bspw. lässt sich mit Empathie nicht lösen, sondern mit Vernunft und dem Erkennen von nachhaltigen Veränderungen der Marktmechanismen, die für alle Unternehmen gelten. Vor allem in Krisensituationen ist vorausschauendes Handeln des Managements gefragt, mag einem der Untergang eines Unternehmens nun ans Herz rühren oder nicht. Es ist nicht Empathie, die ein Unternehmen vor wirtschaftlichem und technologischem Wandel retten kann, sondern die gute alte Vernunft. Das Interesse am Wohlergehen der Menschen sollte auf Einsicht und dem vernünftigen Mitgefühl beruhen, was langfristig am besten für das Ganze ist?

2 Kommentare zu “Weniger Empathie wagen!”

  1. Jeanette Köbisch - Avatar Jeanette Köbisch sagt:

    Grundsätzlich hat der Autor Recht: Unternehmen werden nicht durch Empathie sondern durch logisches Denken und vorausschauende Planung geleitet. Allerdings muss man eines sagen: fehlt die Empathie ganz, wird und wirkt das Unternehmen kalt und und unfreundlich bzw. unmenschlich.

    Der Arbeitnehmer, der letztendlich für die Produktivität des Unternehmens seine Arbeitskraft einbringt, verbringt den größten Teil des Tages und somit seines aktuellen Lebens im Unternehmen. Fühlt er sich dort nicht wohl, nicht verstanden und nicht aufgenommen, wird er niemals 100 % seiner Leistung bringen. Für ein kaltes, pragmatisches Klima wird er auch nur Pragmatismus einsetzen. D.h. im Klartext, dass er stets darauf bedacht sein wird, sein Wohlbefinden im Privatleben zu finden und seine Ressourcen zu schonen.
    Ein Arbeitnehmer hingegen, der sich im Unternehmen rundum wohl fühlt und es als Teil seines Lebensmittelpunktes empfindet, wird auch locker 120 % leisten, weil der Fortbestand und das Weiterkommen des Unternehmens eng mit seinem eigenen Bedürfnis verknüpft wird.
    Es ist also im Berufsleben so wie überall: Die richtige Mischung macht’s!

    1. Michael - Avatar Michael sagt:

      Natürlich haben auch Sie recht. Sie haben sehr differenziert die Situation in den Unternehmen beschrieben. Ich bin seit 30 Jahren Personalberater und will/muss ab und an auch provozieren. Vor allem dann, wenn sich Modewörter in die Anforderungsprofile „einschleichen“ und von vielen unreflektiert eingesetzt werden. Neben „Empathie“ ist z.B. auch der Begriff „authentisch“ ein viel benutzter Begriff, der gerne in Stellenbeschreibungen auftaucht. Selten macht sich jedoch jemand Gedanken, was authentisch bedeutet und wie jemand in der Unternehmenskultur ankommt, der sich authentisch verhält. Aber das ist ein anderes Thema. Vielen Dank für ihren Kommentar!!

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