Was bedeutet es, authentisch zu sein?

von Stefan Kosak

Die Vorstellung des Authentischen ist allgegenwärtig. Dies gilt sowohl für das Berufsleben als auch für die private Lebensgestaltung. Für beide Kontexte gilt hierbei: Wenn wir jemanden als authentisch bezeichnen, bringen wir damit zugleich eine Form von persönlicher Anerkennung zum Ausdruck. Authentizität wird auf diese Weise zu einem Ideal, mit dem die unmittelbare Forderung einhergeht, selbst authentisch zu sein.

Was bedeutet es aber, authentisch zu sein? Nach gängiger Auffassung scheint Authentizität darin zu bestehen, in Übereinstimmung mit den eigenen Bedürfnissen Überzeugungen und Gefühlen zu handeln. Dieser Auffassung zufolge, verfügt jede Person über einen inneren Wesenskern, der in Form von unverwechselbaren Charakterzügen zum Ausdruck kommt. Dieser Wesenskern wird jedoch im Alltagsrauschen durch die gesellschaftlichen Ansprüche und die Erwartungen anderer überlagert. Mit dem Begriff der Authentizität wird dann die Aufforderung verbunden, sich nicht länger von den äußeren Umständen bestimmen zu lassen, sondern die eigenen Bedürfnisse und Wesenszüge zu ergründen und sich als Person zu verwirklichen.

Die Vorstellung eines wahren inneren Kerns der eigenen Persönlichkeit erscheint jedoch fraglich, da wir als Individuen immer schon Teil einer Gemeinschaft sind auf die wir wesentlich für ein gelingendes Leben angewiesen sind. Ganz abwegig ist der Gedanke vom Kern einer Person dennoch nicht. Ist es nicht so, dass wir mit unterschiedlichen Impulsen ausgestattet sind? Manche Personen sind introvertiert, andere wiederum eher extrovertiert. Manche Personen neigen dazu, Risiken einzugehen, andere wiederum sind eher vorsichtig. Die Bandbreite verschiedener Persönlichkeitsmerkmale fällt also nicht zu knapp aus.

Einige dieser Impulse erweisen sich hierbei als günstiger, anderen sollte wiederum lieber nicht ohne weiteres nachgegeben werden. Die Auffassung, dass authentisches handeln vornehmlich darin besteht, den eigenen inneren Impulsen zu folgen, scheint dann jedoch keine sonderlich gute Idee zu sein – müssen wir doch davon ausgehen, dass wir stets auch über Impulse verfügen, die den eigenen (beruflichen) Bestrebungen eher hinderlich sind.

Sollten wir uns also von der Idee authentischen Handelns lieber verabschieden? Nein, denn die Vorstellung von Authentizität kann sich durchaus als wertvolle Orientierungsgröße erweisen. Dies ist der Fall, wenn authentisches Handeln als Resultat eines Entwicklungsprozesses verstanden wird. Am Anfang dieses Prozesses werden zunächst die eigenen Bedürfnisse, Gefühle und charakterlichen Merkmale reflektiert. Manches hiervon möchte man womöglich beibehalten, wie etwa Neugier und Offenheit gegenüber Neuem. Andere Impulse, wie beispielsweise eine Tendenz zu emotionalen Ausbrüchen, möchte man dagegen vermutlich eindämmen, da es den eigenen Perspektiven und Zielsetzungen hinderlich ist. Auf eine solche (kritische) Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, folgt schließlich eine Phase, in der es darum geht, die vorhandenen Stärken zu kultivieren und die erkannten Schwächen einzugrenzen. Wenn dies gelingt, ergibt sich am Ende dieses Prozesses ein Zustand, in dem das eigene Handeln und die Außendarstellung mit den reflektierten Vorstellungen der eigenen Person übereinstimmen. Sprich: Man handelt authentisch.

2 Kommentare zu “Was bedeutet es, authentisch zu sein?”

  1. Michael - Avatar Michael sagt:

    Sehr gut analysiert, geschrieben und auf den Punkt gebracht!!
    Wenn man den (langen) Weg zur Authentizität beginnt und durch die kritische Reflektion der eigenen Persönlichkeit (auch mit Hilfe anderer) erreicht, ist man dann noch in eine Unternehmenskultur wie sie 99% aller (deutschen) Unternehmen repräsentieren integrierbar? Oder bedeutet es nicht zwangsläufig, sich selbständig zu machen oder von Anfang bei einem Startup dabei zu sein?

  2. Itav - Avatar Itav sagt:

    Erstrebenswert!

    In Verantwortung und Selbstständigkeit seine eigene Authentizität leben zu können zum Nutzen vieler Mitmenschen.

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