Von Spezialisten und Grenzgängern

von Stefan Kosak

Zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde durch die industrielle Revolution eine neue Form des Wirtschaftens geprägt. Ausschlaggebend hierfür war die Einsicht, dass der Wohlstand einer Gesellschaft wesentlich von der Verfügbarkeit von Gütern abhängt, die zu einer hohen Lebensqualität beitragen. Zu diesem Zweck machte man sich ausgehend von den englischen Manufakturbetrieben den Umstand zunutze, dass sich durch eine konsequente Arbeitsteilung unter den Beschäftigten eine wesentliche Steigerung der Produktivität erzielen lässt. Der einmal eingeleitete Umbruch hin zu einer arbeitsteiligen Handelsgesellschaft, wurde durch Innovationen auf dem Gebiet der Technik weiter vorangetrieben.

Diese Entwicklung hält bis heute an, sodass wir in sämtlichen Tätigkeitsbereichen Experten finden: Einkaufs- und Verkaufsexperten, IT-Experten, Produktexperten, Marketingexperten, Führungsexperten usw. Die Vorteile dieser Entwicklung liegen auf der Hand: Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können sich auf eine bestimmte Aufgabe fokussieren, die im besten Fall ihren persönlichen Interessen und Begabungen entspricht. Infolge der detaillierten Auseinandersetzung mit der jeweiligen Tätigkeit wird schließlich ein spezifisches Know-how erworben, wodurch die Arbeit zunehmend effizienter erledigt wird und die Qualität kontinuierlich steigt. Darüber hinaus scheint die Fokussierung auf bestimmte Tätigkeiten zur schlichten Notwendigkeit geworden, da die verschiedenen Wissensgebiete immer umfangreicher werden. Universalgelehrte, die zu früheren Zeiten Experten auf verschiedenen Wissensgebieten waren, sind heute nicht mehr denkbar.

Wenn aber Spezialisten zum Leitbild der arbeitsteiligen Gesellschaft werden, gerät möglicherweise etwas Wichtiges aus dem Blick. So besteht die begründete Vermutung, dass sich die Expertinnen und Experten eines spezifischen Tätigkeitsbereichs in anderen Bereichen weniger gut auskennen. Im Hinblick auf das Prinzip der Arbeitsteilung scheint dies zunächst nicht weiter problematisch, da es in den übrigen Bereichen eben auch Expertinnen und Experten für die jeweilige Tätigkeit gibt. An Expertise scheint es also nicht zu fehlen. Was auf diese Weise jedoch tendenziell zu kurz kommt, ist der Sinn für die größeren Zusammenhänge. Ist dies nun ein Grund zur Sorge? Nun ja, man stelle sich ein Unternehmen vor, in dem es hervorragende Experten für verschiedene Tätigkeiten gibt, aber niemand die verschiedenen Bereiche überblickt und eine Vorstellung vom Unternehmensziel entwickelt. Das Resultat wäre das reinste Chaos.

Eine eingehende Auseinandersetzung mit Grenzgängern, das heißt Managern, die sich mit den großen Ganzen auseinandersetzen, darf also nicht zu kurz kommen. Grenzgänger sind die Voraussetzung um verschiedene Bereiche miteinander in Beziehung zu bringen und im Hinblick auf Synergieeffekte und Konfliktpotenziale sinnvoll aufeinander abzustimmen. Hierfür bedarf es jedoch Persönlichkeiten, die weniger über Detailkenntnisse in einem bestimmten Bereich, sondern vielmehr über ein grundlegendes Verständnis verschiedener Bereiche verfügen und diese miteinander in Verbindung bringen können, sodass sich ein schlüssiges Gesamtbild ergibt. Detailkenntnisse und der Blick fürs große Ganze schließen sich hierbei keineswegs aus. Der Punkt ist lediglich, dass es in der fortschreitenden Tendenz zur Spezialisierung gilt, auch denjenigen Raum zu gewähren, die sich weniger mit den Details, sondern dem Gesamtbild befassen.

In diesem Zusammenhang sei noch ein weiterer Aspekt angesprochen. Grundlegende Kenntnisse zu verschiedenen Wissensgebieten können wesentlich zu Kreativität und Innovation beitragen. Hierzu eine Anekdote des Apple Mitbegründers Steve Jobs: Dieser besuchte in den 1970er Jahren aus Interesse einen Kalligraphie-Kurs an der Universität. Jahre später war dies der entscheidende Grund, dass in den Mac-Computer verschiedene Schriftarten integriert wurden, auf die wir heute auf keinem Computer mehr verzichten möchten. Es bleibt also festzustellen: Neben dem Spezialwissen in bestimmten Bereichen sollte auch das grundlegende Verständnis verschiedener Gebiete ausreichend wertgeschätzt werden.

3 Kommentare zu “Von Spezialisten und Grenzgängern”

  1. Marcus - Avatar Marcus sagt:

    Ich halte es für richtig, Grenzgänger auch in den Führungsebenen zu haben. Viele Spezialisten in den oberen Etagen, haben in erster Linie den Blick für die Zahlen, aber für das Große & Ganze, haben sie diesen verloren.

  2. super, danke für den Gedankenanstoß zu diesem interessanten Thema und viele Grüße an alle Spezialisten und Grenzgänger. B. Kaiser

  3. Sehr zutreffend ist diese Problematik nicht nur in der Wirtschaft sondern im gesamten Spektrum des menschlichen Miteinander.
    Bspw. haben wir in der heutigen politischen Landschaft keine wirklichen philosophischen Ansätze mehr, die unsere Spezies aber braucht.
    Der Artikel spricht eine Art des Denkens an, die mir persönlich sehr gut gefällt und ich hoffe, dass viele Entscheidungsträger in der Managementebene dies lesen.

    Danke!

    H. Emmrich

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