Unordnung ist das halbe Leben…

von Stefan Kosak

Wohin wir auch blicken, finden wir Ordnung. In der Natur sind es etwa die Naturgesetzte, die den Lauf der Dinge bestimmen und auch das gesellschaftliche Zusammenleben wird durch zahlreiche Organisationen mit ihren je eigenen Strukturen und Normen geprägt. Auch in unserem privaten Umfeld sind wir meist um Ordnung bemüht. So dürfte es kaum jemanden geben, der noch nicht mit dem lapidaren Ausspruch konfrontiert wurde: Alles hat seinen Platz! Es scheint also ein zutiefst menschliches Bedürfnis zu sein, den Dingen Ordnung und Struktur zu geben.

Nicht anders verhält es sich im Unternehmenskontext. Auch hier werden mit großem Aufwand Organisationsstrukturen geschaffen: Arbeits- und Kommunikationsabläufe werden ausführlich definiert und jeder Position werden die entsprechende Zuständigkeiten und Aufgabenbereichen zugewiesen. All diese Bemühungen kommen schließlich auch in der Gestaltung der Geschäftsräume oder in Form von Unternehmensleitbildern, Organigrammen und Stellenprofilen zum Ausdruck. Dieses Vorgehen erscheint für den Unternehmenserfolg unerlässlich, wird doch auf diese Weise sichergestellt, dass alle Beteiligten die Unternehmensziele vor Augen haben und die verfügbaren Ressourcen auf effiziente Weise eingesetzt werden.

Eine derart reibungslose Unternehmensorganisation kann gleichwohl nicht etablieren werden. So lässt es sich kaum vermeiden, dass im Unternehmensalltag zusehends eine informelle Organisation entsteht, die Abweichungen zu den vorgesehenen Strukturen aufweist. Die Akteure passen ihre Arbeitsabläufe etwa selbstständig an oder wählen Kommunikationswege, die nicht dem formalen „Dienstweg“ entsprechen. Verstärkt wird dies durch das immer schnelllebigere, globale Wirtschaftsgeschehen, das eine stetige Anpassung an die neuen Marktverhältnisse erforderlich macht.

Vor diesem Hintergrund drängt sich nun die Idee auf, ein gewisses Maß an Unordnung in der eigenen Unternehmensorganisation bewusst zuzulassen. Die Vorteile hierfür liegen auf der Hand: Wenn Arbeitsabläufe und Zuständigkeiten nicht länger dezidiert vorgeschrieben werden, können sich Zuständigkeiten und Fertigkeiten auf mehrere Akteure verteilen. Dies führt zu einer höheren Robustheit der Unternehmung, da die Verantwortung nicht länger auf wenigen Schultern lastet, sondern mehrere Akteure in der Lage sind, wichtige Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. In diesem Sinne hat der Ausfall eines Rädchens nicht unmittelbar zum Absturz des gesamten Systems zur Folge. Weiterhin können offenere Organisationsstrukturen eine größere Dynamik und Kreativität innerhalb der Unternehmung erzeugen, da die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Chance wahrnehmen möchten, einen eigenen Beitrag zur Gestaltung des Unternehmens zu leisten.

Sicherlich ist eine solche Vorgehensweise nicht in jedem Fall sinnvoll. So wird man etwa im Operationssaal froh darum sein, wenn die Zuständigkeiten und Handlungsschritte eindeutig definiert sind. Gerade im schnelllebigen Umfeld der Fashionbranche, das rasche Anpassungen und Kreativität erfordert, können offene und dezentrale Strukturen jedoch einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Unternehmung leisten. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Unternehmen für eine (Geschäfts-)Idee steht, die auf alle Beteiligten eine hohe Anziehungskraft ausübt.

Ein Kommentar zu “Unordnung ist das halbe Leben…”

  1. Andreas Rauter - Avatar Andreas Rauter sagt:

    Ordnung, Denken, und Reden ja – Freistil nein. Meine Meinung ist, dass man vor allem informell sprechen muss, um zwischen die Zeilen zu blicken, wo diskutiert und Meinung gebildet wird. Wer nur den offiziellen Weg kennt kommt nicht weit, weiß nichts und vergeudet seine Zeit beim (dagegen)-Argumentieren, anstatt anzusprechen, was ein Problem ist oder was von den informell sprechenden als ein solches erkannt wird. Hingegen glaube ich nicht, dass Zuständigkeiten nicht klar geregelt sein sollen – sonst macht nämlich oft niemand das, was gemacht werden muss. Ob die Zuständigkeit richtig verteilt ist kann man diskutieren, aber ein Loch zu haben, dass meinend stopft halte ich für gefährlich, denn es wollen sich wohl die allermeisten nur die angenehmen Aufgaben suchen, nicht unbedingt die notwendigen.

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